Allan Taylor

Sechzig Jahre unterwegs

21. Januar 2026

Lesezeit: 8 Minute(n)

Nach fast sechs Jahrzehnten on the road nimmt Allan Taylor – einer der großen Songpoeten unserer Zeit – Abschied von der Bühne. Seine künstlerische Stimme reifte an Einflüssen aus ganz Europa, bis in einer Nacht in einer Brüsseler Bar sein ganz eigener Klang geboren wurde. Deutschland spielte dabei eine prägende Rolle: mit einem Publikum, das zuhört, als Ort schöpferischer Freiheit und als Heimat von Stockfisch Records, wo seine Musik zur Referenz für Hi-Fi-Enthusiasten wurde. In diesem Abschiedsinterview blickt Taylor zurück auf den langen Weg und auf Lieder, die für sich selbst stehen müssen – mit nichts weiter als Stimme und Instrument.

Interview: Illya Kolba (Berlin, Mitglied der Analogue Audio Association)

Deutschland: ein Publikum, das zuhört

Mr. Taylor, Sie sind kürzlich achtzig Jahre alt geworden und haben Ihre Abschiedskonzerte in Europa beendet – einschließlich Ihrer letzten Stationen in Deutschland. Auf der Bühne in Karlsruhe sagten Sie: „Deutschland hat mir so viel gegeben. Es hat mein Leben zum Besseren gewendet.“ Wie hat Deutschland Ihr Leben verändert?

Das reicht mehr als dreißig Jahre zurück. Damals spielte ich oft für die britische Armee in Deutschland – zähe Gigs, denn die Soldaten hatten wenig Sinn für meine Art von Songs. Aber es gab da einen Club in Hannover, im britischen Militärkrankenhaus, der auch für deutsche Zivilpersonen offenstand. Und dieser Abend war vollkommen anders. Die Deutschen hörten wirklich zu, und das hinterließ einen tiefen Eindruck bei mir. Von da an verbrachte ich immer mehr Zeit in Deutschland, um hier zu arbeiten, was mich schließlich auch nach Dänemark, Österreich, Holland und Belgien führte. Meinen Fokus auf Europa zu richten, war die beste Entscheidung, die ich je getroffen habe.

„Meinen Fokus auf Europa zu richten, war die beste Entscheidung, die ich je getroffen habe.“

Sie begannen Mitte der Neunzigerjahre, durch Deutschland zu touren. Was ist Ihnen am Publikum hier aufgefallen und wie fanden Sie den Zugang zu den Menschen?

Ich habe das deutsche Publikum als unglaublich fokussiert erlebt. Es ist entscheidend, dass das Publikum auf derselben Wellenlänge ist. Ich möchte etwas erschaffen, das ich für schön, poetisch oder kraftvoll halte. Glücklicherweise erreicht das die Zuhörenden. Genau in solchen Momenten findet man seine ganz eigene Stimme.

Sie erwähnten in Karlsruhe auch, dass Deutschland Ihnen die Inspiration für viele Lieder geschenkt hat. Wie hat die Zeit hier Ihren Schreibprozess beeinflusst?

Ich habe viel Zeit hier verbracht, gute Freunde gefunden und an schönen Orten gewohnt. Das gab mir die Freiheit, zwischen den Auftritten zu schreiben. Deutschland war in dieser Hinsicht sehr gut zu mir. Ich wohnte in den Häusern der Menschen und hatte den ganzen Tag Zeit, meine Gedanken fließen zu lassen. Ich schrieb viele Songs in fremden Schlafzimmern und Küchen, genauso wie in Hotelzimmern. Nehmen Sie zum Beispiel „The Beat Hotel“. Ich begann um Mitternacht und war um sechs Uhr morgens fertig.

Eine Gitarre, eine Stimme, ein aufmerksames Publikum: Allan Taylor auf Abschiedstour, Lübeck 2025

Foto: Illya Kolba

Im Jahr 2023 erhielten Sie in Würzburg den Walther-von-der-Vogelweide-Preis für Ihr Lebenswerk – eine bemerkenswerte Anerkennung in Deutschland. Was bedeutet Ihnen diese Ehre und wie haben Sie die Wertschätzung in Deutschland im Vergleich zu Großbritannien über die Jahre erlebt?

Diese Auszeichnung bedeutete mir sehr viel. Walther von der Vogelweide war ein wunderbarer Dichter, und ich fühlte mich zutiefst geehrt. Dieser Preis berührte mich auf besondere Weise – als käme er direkt aus dem Herzen des deutschen Publikums und seiner tiefen Wertschätzung für das Songwriting. In Großbritannien kam die Anerkennung erst später. Ich hatte zuerst das europäische Publikum gewonnen, und das machte den entscheidenden Unterschied. Als mein Ruf hier wuchs, wurde es auch in der Heimat allmählich besser. Aber Europa zu bereisen, blieb die Art, in der ich mich als Musiker zu Hause fühlte. Nach nur wenigen hundert Kilometern ändert sich alles – der Wein, das Essen, die Sprache. Ich liebte diese Vielfalt.

 „Wenn ein Song mit nichts weiter als Stimme und Instrument trägt, dann weißt du, dass du etwas Gutes geschaffen hast.“

Sie waren fast sechzig Jahre on the road. Was bedeutet das Unterwegssein für Sie nach all dieser Zeit?

Ich liebte es, andere Kulturen zu entdecken. Die bloße Vorstellung, mit der Gitarre auf dem Rücken und ausgestrecktem Daumen eine Straße entlangzuziehen, übte eine magische Anziehungskraft auf mich aus. Das entsprang den Büchern meiner Jugend von Jack Kerouac oder Laurie Lee – Menschen, die einfach aufbrachen, um die Welt zu sehen. Doch im Kern ging es um Freiheit. Ich wurde 1945 geboren, hinein in eine stille Nachkriegsgeneration, die sich nach Ruhe sehnte. Als die Sechziger kamen, änderte sich alles. Unsere Eltern wollten Sicherheit – wir wollten den Aufbruch.

Soweit ich weiß, war Ihr Vater nicht glücklich über Ihre Entscheidung, Ihr sicheres Leben aufzugeben und nach Schweden zu gehen.

Nein, das war er nicht. Wie alle Männer seiner Generation konnte er es schlichtweg nicht begreifen. Er konnte nicht verstehen, warum ich einen guten Job aufgeben würde. Warum ich das wunderschöne junge Mädchen verlassen würde, das ich heiraten wollte. Oder warum ich all meine Geburtstagsgeschenke verkaufte, nur um das Geld für die Reise zusammenzukratzen.

Ein Raum, der zuhört: Allan Taylor im Aufnahmeraum von Stockfisch Records in Northeim – seine künstlerische Heimat seit dreißig Jahren

Foto: Emre Meydan

Stockfisch Records – eine künstlerische Heimat

2026 jährt sich Ihre Zusammenarbeit mit Stockfisch Records in Northeim zum dreißigsten Mal. Sie haben in Studios auf der ganzen Welt aufgenommen. Was hat Sie so lange an Günter Pauler und sein Studio gebunden?

Vor Stockfisch hatte ich mein eigenes Label. Das sicherte mir zwar meine Unabhängigkeit, war aber kaum zu bewältigen, während man auf Tournee ist und eine Familie hat. Dann traf ich in Hamburg den US-amerikanischen Musiker Chris Jones, und er legte mir Stockfisch ans Herz. Ich fuhr ohne große Erwartungen nach Northeim, aber in dem Moment, als ich den Klang hörte und die Atmosphäre spürte, wusste ich: Das passt. Es war diese Mischung aus entspannter Umgebung und Günter Paulers außergewöhnlicher tontechnischer Meisterschaft und seiner Produktion, die mich dort hielt. Dass meine Alben und „The Beat Hotel“ so klingen, wie sie klingen, liegt an ihm: Ich habe nur gespielt und gesungen – er hat den Zauber hinzugefügt.

In der High-End-Szene gelten Ihre Aufnahmen als Referenz für den perfekten Klang. Was empfinden Sie dabei?

Ich fühle mich zutiefst geehrt. Es erfüllt mich mit Stolz, zu wissen, dass Menschen meine Stimme und meine Lieder nutzen, um ihre Anlagen zu testen. Doch diese Ehre teile ich mit Stockfisch Records, mit Günter Pauler und seinem Team. Alleine würde ich nicht so klingen. Ihre Aufnahmen schenkten mir völlige Freiheit: Sobald das erste Album fertig war, wusste ich, dass die Qualität immer gewährleistet sein würde, sodass ich mich ganz auf das Schöpferische konzentrieren konnte.

Diese Zusammenarbeit brachte auch starke musikalische Freundschaften mit sich wie die mit Chris Jones, der 1996 auf Ihrem ersten Album bei Stockfisch Records spielte. Als er Jahre später schwer erkrankte, hatte er als US-Amerikaner keine Krankenversicherung, doch Stockfisch und seine Gemeinschaft standen ihm bei. Was bedeutete Ihnen dieser Zusammenhalt?

Wir waren eine Bruderschaft, fast eine Familie. Wenn einer am Boden lag, half man ihm wieder auf. Ich vermisse Chris. Die Zusammenarbeit mit ihm war großartig – er war ein exzellenter Gitarrist, ein wunderbarer Musiker und ein liebenswerter Mensch. 

Die Kunst der Songpoesie

Ihre musikalische Geschichte wurzelt in den Folkklubs, aber wie würden Sie Ihren Stil heute beschreiben?

Es geht weniger um ein Genre als um eine Haltung. Ich habe mich nie wohlgefühlt, wenn man mich in eine enge Schublade wie „Folk“ oder „Country“ stecken wollte. In Amerika erwarteten sie Countrysongs von mir, aber das entsprach mir nicht. Viel stärker fühlte ich mich zu dem hingezogen, was in Europa geschah – zu italienischen Songwritern wie Fabrizio De André und Massimo Bubola oder Deutschen wie Reinhard Mey, Hannes Wader und Konstantin Wecker. Ich fühlte mich wie eine Taube, die musikalische Körnchen von verschiedenen Straßen und Stilen aufpickt, und diese Einflüsse wurden Teil meiner Musik. Der Moment, in dem ich wahrhaft meine eigene Stimme fand, war in einer Bar in Brüssel, nachts um drei Uhr, als ich „Win Or Lose“ schrieb. Da trat der „Allan-Taylor-Sound“ zum ersten Mal in Erscheinung. Seither wissen Sie, wenn Sie es hören, dass ich es bin.

„So muss ein persönliches Lied funktionieren: Es darf nicht bei mir bleiben – es muss zur Geschichte der Zuhörenden werden.“

Allan Taylor live 2017

Foto: Emre Meydan

Was macht für Sie einen guten Song aus – besonders als Solokünstler?

Für mich muss ein Lied aus sich selbst heraus bestehen können – reduziert auf Stimme und Gitarre oder Stimme und Klavier. Mit einer großen Band kann man schwache Texte hinter einem Arrangement verbergen, aber solo liegt alles offen. Wenn ein Song mit nichts weiter als Stimme und Instrument trägt, dann weißt du, dass du etwas Gutes geschaffen hast.

Viele Ihrer Lieder wurzeln in persönlichen Erlebnissen. Ein bewegendes Beispiel ist „A Promise And A Porsche“, das von der Fahrt mit der Asche Ihres Vaters von Leeds nach Brighton erzählt.

Ja, es ist meine Geschichte. Doch wenn ich sie singe, beginnen die Menschen, über ihre eigenen Beziehungen nachzudenken. Genau so muss ein persönliches Lied funktionieren: Es darf nicht bei mir bleiben – es muss zu ihrer Geschichte werden. Man muss auf eine Weise schreiben, die Zuhörende denken lässt: „Ich war schon einmal dort. Ich kenne dieses Gefühl.“ „Colour To The Moon“ etwa trägt diese Art von Emotion in sich: jenen Moment, in dem man ein Wagnis eingeht und eine Chance ergreift wegen eines wunderbaren Menschen. Das ist das Gefühl, das ich teilen möchte.

Ich glaube, manche Menschen bekommen eine Gänsehaut, wenn sie Ihre Lieder hören – mir geht es jedenfalls so, zum Beispiel bei „For An Old Friend“. Was verleiht Ihren Songs diese emotionale Kraft?

Ich denke, weil sie aus einem Moment echter Emotion heraus entstehen. Ich versuche nicht, einen Hit zu konstruieren; ich möchte schlicht ein Gefühl vermitteln. Viele fragen mich, wie es mir gelingt, es so emotional zu machen – die Antwort ist: Es ist echt. Oft sind die einfachen Lieder die schwersten. Nehmen Sie noch einmal „Colour To The Moon“. Eine Zeile darin berührt besonders: „Ah, but you were tender, as soft as a summer wind.“ Grammatikalisch würde man vielleicht „Colour Of The Moon“ erwarten. Aber indem ich „Colour To The Moon“ sage, bringe ich zum Ausdruck, dass sie so wunderbar ist, dass sie dem Mond, der ja sonst grau ist, Farbe verleiht.

Wie wahr. Sie sprechen oft davon, die junge Musikergeneration zu unterstützen. Sie waren Mentor für den Dänen Jacob Dinesen, und Ihr Sohn Barnaby Taylor ist ein erfolgreicher Komponist. Nach fast sechzig Jahren unterwegs mit Liedern und Geschichten – welchen Rat würden Sie jungen Musikschaffenden heute mitgeben?

„Folge deinem Traum. Geh auf die Straße und sorge dafür, dass es zählt.“ Das schrieb ich Jacob, als er vierzehn war und mich um einen Rat für sein Jahrgangsbuch bat. Ich sagte ihm: „Geh auf die Straße, sieh dir die Welt an, und was immer du tust, stell sicher, dass es gut ist und dass es etwas bedeutet.“ Alles, was ich falsch gemacht habe, hat Jacob richtig gemacht.

„Folkmusik ist die Seele eines Landes.“

Aufnahmeraum bei Stockfisch Records in Northeim

Foto: Illya Kolba

Welchen Anteil hatten Sie an der musikalischen Entwicklung Ihres Sohnes?

Ich habe ihm einfach den Zugang zur Musik ermöglicht. Schon als Kind hatte er einen ganz natürlichen Instinkt dafür. Da ihn die Gitarre nicht interessierte, lernte er Klavier. Jahrelang arbeitete er in der Wissenschaft, doch irgendwann erkannte er, dass er bessere Musik für die Filme schreiben konnte, an denen er arbeitete – und genau das tat er. Seither hat er wunderbare Partituren komponiert, etwa für Born in China. Ich liebe seine Musik aufrichtig. Manchmal geben mir seine Stücke sogar den Anstoß, Texte zu schreiben. Es ist eine besondere, schöpferische Verbindung.

Sie sagten einmal, es sei wichtig, die Tradition der Folkmusik zu bewahren. Haben Sie das Gefühl, Ihren Teil dazu beigetragen zu haben?

Ich glaube, dass wir uns diese Mühe machen sollten. Folkmusik ist die Seele eines Landes – weitergereicht von Generation zu Generation, lange bevor irgendetwas niedergeschrieben wurde. Wir hatten Glück, dass Sammler viele dieser Lieder retteten, bevor sie für immer verloren gingen. Ich glaube an diese Bewahrung, weil wir nicht alle gleich werden sollten. Folkmusik ist schlicht genug, um von einem Anfänger gespielt zu werden oder arrangiert von Vaughan Williams – und beides kann von großer Schönheit sein. Genau darin liegt die Kraft der Folkmusik.

Wenn Sie eine Zeile aus Ihren Liedern als Botschaft für Hörer hinterlassen könnten, die Ihre Musik in der Zukunft entdecken – welche wäre das?

„Win or lose, what does it matter to you? You are a part of it too. You are a long way from home.“

www.allantaylor.com

Auswahldiskografie:

Looking For You (Stockfisch Records, 1996)

Colour To The Moon (Stockfisch Records, 2000)

Hotels & Dreamers (Stockfisch Records, 2003)

Old Friends – New Roads (Stockfisch Records, 2007)

Down The Years I Travelled (Stockfisch Records, 2012)

Aufmacher:

Allan Taylor

Foto: Promo

1 Kommentar

  1. Tolles Interview mit einen wunderbaren Singer/Songwriter!
    Es war mal ein neues Livealbum von ihm angekündigt, welches auch bei Stockfisch erscheinen sollte …!? Hat er davon nichts mehr berichtet?
    Das ist die Original-Message dazu, von seiner Website, vom September 2025:

    September 12, 2025
    News update

    Hi All,

    After making my farewell tours of Denmark, Austria and Germany, with a final gig in Italy, I decided to take some extended time away from life “on the road”. Over the last few years, I’ve spent so much time touring throughout Europe I haven’t played that many folk clubs here in the UK. I’m thinking a tour of the British folk clubs would be a fitting way to say farewell, a case of going back to where I started. The time period I’m thinking of is April 2026. If any of you have ideas of places for me to play a gig, please get in touch.

    The kind of gig I have in mind: I’ll talk about the 60’s, when the folk clubs were starting throughout Britain – the London scene – and then when I went to live in America – the Greenwich Village scene in New York – recording in New York, Nashville and Los Angeles and touring America – then returning to UK in the 70’s and touring throughout Europe – from as far south as Dubrovnik to Skagen in the north of Denmark. I’ll be singing the songs that were inspired by hanging out in the bars and cafes of cities like Paris, Amsterdam, Brussels and many more great cities I spent time in. I’ll sing the songs about the great characters I met “on the road”, the ones who inspired so many songs.

    I’ll be touring with the new double album recorded by Stockfisch Records in Germany from two gigs I did in Northeim. Unlike my previous albums, the stories I always tell about the songs are also recorded. This will be in Vinyl and SACD.

    In the meantime, I will be selling some the items I’ve used and or collected over the years, such as a couple of Hiscox cases (especially a Flight Case, pristine and unused). Also, I have just three or four original vinyl LPs of most of the LP’s I have released, and they will be for sale. I’ll make a list and we’ll publish it soon.

    If anything interests you, just get in touch and we’ll give you more information.

    Travel safe!
    AT

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